Suizidprävention ohne uns

Anlässlich des Welttags der Suizidprävention am 10. September

Der 10. September wurde 2003 von der WHO zum Welttag der Suizidprävention erklärt. An diesem Tag präsentieren seither psychiatrische und psychosoziale Leistungsanbieter ihr Angebot. Die Events sind von Jahr zu Jahr größer geworden. Hinterbliebene kommen zu Wort und erzählen, was für ein traumatischer Einschnitt der Verlust eines Menschen durch Suizid ist. Die wohl wichtigste Stimme an diesem Tag fehlt jedoch fast völlig: Die der (ehemals) suizidalen Menschen.

Jedes Jahr überleben allein in Deutschland mindestens 100.000 Menschen einen Suizidversuch. Eine repräsentative Befragung von Nock et al. aus dem Jahre 2008 ergab, dass 1,7% der befragten Deutschen ab 18 Jahren bereits einen Suizidversuch unternommen hatten. Das sind hochgerechnet ca. 1,2 Millionen Suizidversuchsüberlebende! Die Befragung ergab außerdem, dass 9,7% der Befragten bereits ernsthaft über Suizid nachgedacht hat. Das sind hochgerechnet ca. 6,5 Millionen Deutsche, die Erfahrung mit Suizidgedanken haben.

Wir, Menschen mit gelebter Erfahrung von Suizidalität, sind also ziemlich viele. Dennoch sind wir gesellschaftlich nahezu unsichtbar. Es wird viel über uns und wenig mit uns gesprochen. In der Berichterstattung und auch in der Öffentlichkeitsarbeit der Verbände, die sich der Suizidprävention verschreiben, kommen wir vor allem als passiv Erleidende vor, als Gefährdete und als Empfänger von Hilfe statt als Personen, die etwas Wichtiges zu sagen haben und ihre Bedürfnisse und Haltungen selbst formulieren können. Es wird viel darüber spekuliert oder sogar fest behauptet, was wir brauchen, statt uns zu fragen: Was braucht ihr und was wünscht ihr euch?

Durch dieses Reden über uns in einer hypothetischen dritten Person („Betroffene“) koproduzieren wohlmeinende JournalistInnen und Suizidpräventionsorganisationen das Stigma, das sie zu bekämpfen zu beabsichtigen. Denn wer von uns möchte schon gern die sein, über die ständig und seit Jahren in der dritten Person gesprochen wird?

In anderen Ländern ist man um einiges weiter. Die nationalen Organisationen für Suizidprävention in den USA und in Australien haben bereits vor einigen Jahren die Wichtigkeit des Erfahrungswissens anerkannt. Die US-amerikanische Gesellschaft für Suizidologie hat eine Mitgliedssektion für Menschen mit gelebter Erfahrung eingerichtet. Auf der zugehörigen Projektseite attemptsurvivors.com gibt es eine Liste mit Selbsthilfegruppen zum Umgang mit Suizidgedanken. Viele davon sind wie selbstverständlich autonom von Erfahrenen durchgeführt.

Auf der Seite Live Through This erzählen Suizidversuchsüberlebende ihre Geschichte und zeigen ihr Gesicht. Auf der Seite blicken uns ältere und jüngere Gesichter entgegen, Gesichter mit unterschiedlichen Hautfarben, lächelnde Gesichter und ernste Gesichter. Die Seite möchte zeigen, dass Schmerz und Leid nicht diskriminieren, sondern jeden treffen können. Und dass es möglich ist, Scherz und Leid zu überleben.

Hören wir Suizidalität aus der Perspektive derjenigen, die sie „behandeln“, so ist Suizidalität ein Symptom einer Erkrankung, die medizinischer Behandlung bedarf. Hören wir Suizidalität hingegen aus der Perspektive der Überlebenden, wird deutlich: Suizidalität ist eine zutiefst menschliche Erfahrung, die im Kontext der Biografie eines Menschen Sinn ergibt. Wir alle können diese Erfahrung machen. Wir teilen als Wesen, die ihrer eigenen Endlichkeit bewusst sind, die Fähigkeit zu dieser Erfahrung.

Was also würde sich ändern, wenn wir sprächen?

 

Beitragsbild: Dese’Rae L. Stage / livethrouththis.org

Vortrag in Köln am 18. September

Der „Aufbruch für eine humane Psychiatrie“

lädt ein zu einem Vortrag mit Diskussion

Kristina Dernbach, B.Sc.-Psych. Freiburg: Suizidgedanken – was tun?

In Deutschland nehmen sich etwa 10.000 Menschen jährlich das Leben. Mindestens 100.000 Menschen überleben einen Suizidversuch. Knapp 10% aller Menschen denken irgendwann in ihrem Leben einmal ernsthaft über Suizid nach.

Es handelt sich bei Suizidalität also keineswegs um das rare Phänomen, als das sie oft dargestellt wird. Ganz im Gegenteil kennen Millionen von Menschen den Schmerz, die Leere oder die Hoffnungslosigkeit, die dazu führen, nicht mehr Leben zu wollen.  Es ist schwierig und nahezu unmöglich, offen über Suizidgedanken zu reden – denn Suizid ist nach wie vor ein gesellschaftlich tabuisiertes und stark angstbesetztes Thema. Folgende Fragen sollen bei unserer Veranstaltung am 18.09.2018 näher beleuchtet werden:

  • Gesellschaftlicher Umgang mit Suizid(alität)
  • Ursachen von Suizidalität
  • hilfreicher vs. nicht hilfreicher Umgang mit Suizidalität
  • Möglichkeiten und Grenzen der Selbsthilfe
  • Rechtliche Aspekte
  • Prävention prosuizidaler Dynamiken
  • Integration des Erarbeiteten in die Selbsthilfearbeit

 

Dienstag, 18. September 2018, 16 Uhr

in der AOK Rheinland, Machabäerstraße 19-27, 50668 Köln

 

5 min vom Hauptbahnhof / Breslauer Platz

Eintritt frei, Spenden für den „Aufbruch“ erwünscht

 

 

Projektstart im Juli

Über Suizidgedanken reden ist das Ziel – im Juli wollen wir damit anfangen. Dann startet nämlich das Projekt „Suizidalität und Selbsthilfe“ des BPE e.V.
Wenn Sie den Workshop für Ihre Selbsthilfegruppe in Ihre Stadt holen möchten, können Sie schon jetzt eine Anfrage senden.

Die wöchentliche Peerberatung können Sie ab 4. Juli immer mittwochs 11-14 Uhr erreichen.

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